Di Wilmot ist emeritierte Professorin für Geographiedidaktik der Rhodes University in Südafrika. Sie ist ausgebildete Erdkundelehrerin und war die letzten 35 Jahre in der Hochschulbildung tätig, konkret in der Ausbildung von Lehrkräften, der Betreuung von Promovierenden sowie in der Forschung.
Das Interview wurde im Oktober 2025 im Zuge der IGU-CGE-Konferenz in Stellenbosch von Merle Biermann auf Englisch geführt. Im Folgenden lesen Sie eine sinngemäß ins Deutsche übersetzte und gekürzte Fassung. Die Vermittlung von Wasserbewusstsein, ein zentraler Punkt, spielt im Rahmen des Projekts „Das Lebenselement Wasser und unsere gemeinsame Zukunft“ eine große Rolle.
Warum, denken Sie, ist das Thema Wasser und die Förderung von Wasserbewusstsein heute so wichtig?
Ich glaube, Wasser ist eines der wichtigsten Themen, da wir in der Geographie auf Ressourcen, Nachhaltigkeit und Herausforderungen schauen. Besonders in einem wasserknappen Land wie Südafrika ist es ein sehr aktuelles Thema. Wasserbewusstsein zu fördern, halte ich für sehr wichtig, insbesondere mit Blick auf den Klimawandel. Wir werden Veränderungen der Niederschlagsmengen und Wasserverfügbarkeit in unserem Land beobachten. Wir haben hier große Probleme mit dem Zugang und Management von Wasser, Wasser ist oft verdreckt und Wasserpiraterie spielt auch eine Rolle. Ich denke, dass es in Zukunft ein großes Feld für Konflikte sein wird. Daher müssen wir Kindern beibringen, welche Verhaltensänderungen notwendig sind. Es geht nicht nur um Wasserbewusstsein. Es geht auch darum, wie wir Dinge anders tun können.
Wie würde so eine Bildung aussehen und welche Unterschiede müsste sie adressieren?
Ich denke, wir müssen uns mit der Frage nach sozialer Gerechtigkeit befassen: Wie können wir sicherstellen, dass alle Menschen in Südafrika Zugang zu sauberem Wasser haben? Wir müssen lernen, was es bedeutet, Wasser zu teilen und Strukturen zu schaffen, die dies ermöglichen. Auf persönlicher Ebene müssen wir lernen, wie wir als Individuen Wasser verantwortungsvoller nutzen. Wie können wir sicherstellen, dass alle genug haben, anstatt dass einige zu viel und andere zu wenig haben? Wir müssen uns aber auch kritischer mit der Wirtschaft auseinandersetzen und damit, wie wir Wasser nutzen und wer es wofür verbraucht. Das betrifft auch landwirtschaftliche Praktiken: Was wird angebaut? Wie wird es bewässert? Wie können wir Wasser sparen und trotzdem die Bedürfnisse unserer Bevölkerung erfüllen? Dieses Wissen muss in der gesamten Gesellschaft verbreitet werden – wie zum Beispiel im Amanzi for water-Projekt [PDF].
Wie können wir ein gewisses Niveau an Wasserbewusstsein in der Gesellschaft entwickeln?
Dafür müssen wir uns, denke ich, die formale Bildung anschauen. Wenn wir auf unsere Lehrpläne schauen, dann wird Wasser nur sehr fragmentiert unterrichtet und selten in einer systemischen, holistischen Weise. Wir brauchen viel mehr als nur fachbezogenes (bzw. naturwissenschaftliches) Wissen. Wir müssen uns mit den sozialen Auswirkungen, den Wechselwirkungen und der Politik beschäftigen. Hier müssen wir anfangen und diese Bildung nachhaltig implementieren. Im Unterricht sollte Wasser ein wiederkehrendes Thema sein, aber das ist es momentan nicht.
Welche Fähigkeiten und welches Wissen sind aus Ihrer Sicht zentrale Bestandteile von Wasserbildung?
Ich würde mir das aus einer sozio-ökologischen Linse anschauen. Ich glaube, dass wir Kindern mit einem ganzheitlichen Ansatz beibringen können, wo wir Wasser finden und wie und mit welchen Auswirkungen Wasser genutzt wird. Die Beziehung zu Wasser muss gestärkt werden. Auch sollte es darum gehen, wie es Menschen geht, wenn sie kein Wasser haben, aber ebenso darum, was ein Zuviel an Wasser für Folgen haben kann. Wie in Europa hatten wir hier auch Überschwemmungen. Ich vermute, dass Menschen sich der Kraft des Wassers im Kontext von Stadtplanung nicht ausreichend bewusst sind. Hier geht es wieder um die Mensch-Umwelt-Beziehung.
Welche Lehrmethoden und -ansätze sind aus Ihrer Sicht am effektivsten, um Wasserbewusstsein zu fördern?
Aus meiner Sicht ist zunächst eine solide Wissensgrundlage erforderlich. Sie können nicht einfach Aktivitäten durchführen, wenn Sie kein Verständnis vom Wasserkreislauf etc. haben. Aber ich denke, wir brauchen mehr partizipatives, aktives Lernen, mehr experimentelles Lernen. In meinem Fach vielleicht auch forschendes Lernen, wo eigene Fragen gestellt und dann Informationen recherchiert und Daten gesammelt werden, um diese Fragen zu beantworten. Zudem brauchen wir kritisches Denken, das (nicht nachhaltige) Systeme und bestimmte Praktiken hinterfragt – das sehe ich gerade aber noch nicht.
Welche Hindernisse oder Herausforderungen könnten eine solche Bildung aus Ihrer Sicht erschweren?
Es hängt viel von den Lehrkräften ab, davon, wie kompetent sie mit Blick auf das Thema Wasser sind. Es geht also um ihr fachliches und methodisches Wissen. Darüber hinaus geht es um ihre pädagogischen und didaktischen Kompetenzen: Können sie übergreifende Einheiten oder Ansätze planen, die tatsächlich die verschiedenen Aspekte von Wasserbildung aufgreifen und in einen kohärenten Zusammenhang setzen? Und ich glaube, es braucht Teamwork und soziale Lernprozesse. Ich weiß nicht, ob Lehrkräfte die Zeit oder das Selbstvertrauen haben, neue pädagogische Ansätze auszuprobieren. Zudem haben wir einen zeitlich getakteten Lehrplan. Den Lehrkräften wird vorgeschrieben, wie viel Zeit sie für ein Thema aufwenden dürfen. Sie trauen sich daher nicht zu, von diesem Skript abzuweichen. Die Schulbücher beinhalten auch nicht immer neue Ansätze. Sie enthalten zwar viel Fachwissen, aber aus pädagogischer Sicht bringen sie keine neuen methodischen Ansätze ein. Darum denke ich, dass die Lehrkräfteausbildung eine große Rolle spielt.
Wie sollte sich die Lehrkräfteausbildung aus Ihrer Sicht verändern?
Lehrkräfte sind ein Spiegel dessen, was an unseren Universitäten in der Lehrkräfteausbildung stattfindet. Es sollte nicht einzig um das „Was“ und das „Wie“ gehen. Sie sollte um das „Warum“ erweitert werden und praktische Erfahrungsmöglichkeiten bieten. Das meint zum Beispiel, Exkursionen nicht nur zu thematisieren, sondern tatsächlich mit den Studierenden durchzuführen.
Wenn wir noch einmal auf die Gesellschaft schauen, wie können wir Ihrer Meinung nach in der breiteren Öffentlichkeit Wasserbewusstsein vermitteln?
Aufklärungskampagnen, Bildungsmaterialien, Plakate, Aushänge in der Öffentlichkeit und so weiter. Ich glaube aber auch, dass wir viel mehr Community-Arbeit brauchen, im Gesundheitswesen und in Krankenhäusern. Wir haben gesehen, wie wirksam das bei Covid war. Ich denke, wir könnten das genauso mit dem Thema Wasser machen. Wir müssen solche Aufklärungskampagnen aber auch kritisch hinterfragen, uns anschauen, wer diese Botschaften verbreitet, an wen sie sich richten und wer davon profitiert. Wir sollten mit den Geschichten von Menschen anfangen, die etwas bewirkt haben, und Beispiele zu Good-Practice aufzeigen. Davon gibt es, denke ich, sehr viele, die wir verbreiten sollten.
Hier müssten auch die unterschiedlichen Machtverhältnisse berücksichtigt werden. Was, glauben Sie, wäre der beste Weg, um die dafür erforderliche Art von Reflexivität zu erreichen?
Ich denke, es muss viel mehr partnerschaftlich gearbeitet werden, aber in Partnerschaften, in denen Community-Mitglieder als gleichberechtigte Partnerinnen und Partner betrachtet werden, was z. B. ihr jeweils spezifisches Wissen betrifft. Wir müssen uns von der Vorstellung lösen, dass das gesamte Wissen bei den Universitäten liegt. Es geht vielmehr darum, wie wir gemeinsam dieses Wissen aus unterschiedlichen Perspektiven erschließen und darauf aufbauen können. Menschen außerhalb der Universität müssen als wertvolle Bürger*innen behandelt werden, die auch über ein bestimmtes Wissen verfügen. Es ist anderes Wissen, das ebenfalls relevant ist.
Wie können Schulen und Bildungseinrichtungen über die formale Bildung hinaus mit der Kommune zusammenarbeiten?
Hier bietet forschendes Lernen Potenzial, indem die Lernenden Beobachtungen z. B. über Foto-Dokumentationen festhalten oder Erhebungen z. B. über Fragebögen durchführen. Über die gewonnenen Daten können Probleme identifiziert und Diskussionen über mögliche Lösungen angestoßen werden. Diese Erkenntnisse werden in die Familien getragen und auch an die Verantwortlichen in der Kommune verbreitet. Es geht darum, Lernende durch solche Bildungsaktivitäten dazu zu befähigen, zu Akteur*innen des Wandels zu werden. Partizipative, aktive soziale Lernprozesse und intergenerationales Lernen sind unglaublich wichtig. Es kann auch jemand aus der Kommune in die Schule kommen und über das Wassermanagement und die Wasserverfügbarkeit vor Ort berichten. Wenn es nicht möglich ist, dass die Lernenden selbst vor Ort aktiv werden, kann auch die Lehrkraft Bilder oder Filme aufnehmen und dadurch die Situation in der Kommune quasi ins Klassenzimmer holen – wie eine virtuelle Exkursion. Wichtig ist, dass Schüler*innen lernen, Fragen zu stellen, insbesondere bei Erhebungen bzw. Interviews mit Menschen vor Ort.
Welche Botschaft würden Sie Lehrkräften zum Thema Wasserbildung mitgeben?
Ihr müsst wirklich anfangen, Wasser als Thema aufzugreifen und gemeinsam mit euren Lernenden mehr darüber lernen, und zwar in einer ganzheitlichen, sozio-ökologischen Art und Weise. Ihr müsst den gesamten Lehrplan analysieren und fast schon eine Mindmap über Wasser entwickeln, um dann zu schauen, wie ihr Wasser in einer integrierenden Weise unterrichten könnt, damit wir von der Fragmentierung wegkommen. Wenn ihr visuell darstellen könnt, wie alles zusammenhängt, ist das großartig. Lernende wollen das große Ganze sehen, nicht nur die kleinen Bruchstücke.
Das vollständige Interview in englischer Sprache