Professorin Wesaal Khan ist Mikrobiologin und Direktorin des Water Institute an der Universität Stellenbosch in Südafrika. Ihre Forschung konzentriert sich besonders auf die Wasserversorgung in informellen Siedlungen in Südafrika. Dabei untersucht sie verfügbare Wasserquellen anhand moderner Überwachungsmethoden und entwickelt biologische Verfahren zur Wasseraufbereitung. Ein weiterer Fokus liegt auf der starken sozialen Ungleichheit in Südafrika im Kontext der Wasserversorgung.
Manuel Jackson ist am selbigen Wasserinstitut Projektmanager. Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt vor allem auf der Weiterbildung von Fachkräften und Lehrkräften im Wasserbereich. Außerdem kooperiert er mit verschiedenen Beteiligten entlang der gesamten Wasser-Wertschöpfungskette, insbesondere auf politischer Ebene.
Das Interview wurde im Oktober 2025 von Merle Biermann auf Englisch geführt. Im Folgenden lesen Sie eine sinngemäß ins Deutsche übersetzte und gekürzte Fassung. Das Thema Wasser und die Vermittlung von Wasserbewusstsein zieht sich als roter Faden durch das Projekt „Das Lebenselement Wasser und unsere gemeinsame Zukunft“.
Was motiviert Sie im Bereich Wasser zu forschen?
Wesaal Khan: Ich habe in Deutschland promoviert, und der enorme Unterschied zwischen der in Deutschland verfügbaren Wasserinfrastruktur und dem, was Südafrika zur Verfügung hatte, wurde für mich ersichtlich. Für uns war klar, dass wir in informellen Siedlungen arbeiten werden, weil der Zugang zu Wasser ungleich verteilt ist. Im Allgemeinen sehen wir Wasser als selbstverständlich an und denken nicht darüber nach, woher es kommt. Der einzige Zeitpunkt, zu dem sich die Menschen in der südafrikanischen Provinz Westkap des Wassers wirklich bewusst waren, war während der Dürre 2015/2016. Plötzlich wurde allen bewusst, dass Wasser eine knappe Ressource ist. Für Menschen in informellen Siedlungen ist das jedoch alltägliche Realität. So bin ich dazu gekommen, im Bereich Wasser zu forschen – in meiner Promotion zu Biofilmen, danach zu Krankheitserregern und der Bekämpfung krankheitsverursachender Organismen in verfügbaren Wasserquellen.
Manuel Jackson: Ich denke, mein Interesse an Wasser hat sich eher schrittweise entwickelt und war nicht wirklich geplant. Was meine aktuelle Position besonders interessant macht, ist der starke Fokus auf Zusammenarbeit im Wassersektor – nicht nur im direkten Wasserumfeld, sondern auch im Bereich Landwirtschaft, wo Bewässerung von entscheidender Bedeutung ist.
Was sind die Kernaufgaben und die Mission Ihres Wasser-Instituts?
WK: Unsere Mission ist es, die bestmögliche Wirkung in den Gemeinschaften zu erzielen, in denen wir tätig sind – sei es in der Gemeinde selbst, durch die Ausbildung von Lehrkräften an Berufsschulen oder durch die Zusammenarbeit mit Leuten aus der Industrie, den Kommunen oder Gemeinschaften. Dafür müssen wir transdisziplinär arbeiten und die Beteiligung der Menschen fördern. Unsere größte Vision ist es, in Bezug auf Wasserressourcen in allen Gemeinden, mit denen wir zusammenarbeiten, Spuren zu hinterlassen. Eines unserer Ziele für das nächste Jahr ist es daher, einen nationalen Workshop der Wasserinstitute auszurichten sowie Stakeholder aus Namibia, Botswana und Simbabwe einzuladen.
MJ: Ich denke, dass wir einen beachtlichen Teil zur ökologischen Nachhaltigkeit beitragen und auch dazu, wie Kommunen davon profitieren können. Wir haben neuerdings ein Kooperationsabkommen mit einer Organisation, der Association of Water and Sanitation Institutions of South Africa/AWSISA, die sich verstärkt auf die Zusammenarbeit im Bereich Wasser- und Sanitärversorgung innerhalb Afrikas konzentriert. Sie arbeiten auf einer Art nationaler Ebene mit allen politischen Entscheidungstragenden innerhalb der Wasserbehörden zusammen. Das könnte uns Zugang zu vielen Bereichen verschaffen, vor allem mit Blick auf das Einbinden der Gemeinden. Eines unserer aktuellen Projekte ist der Aufbau eines ‚Agriculture Living Laboratory‘ in der Nordwest-Provinz. Dazu haben wir thematische Fortbildungsworkshops zu verschiedenen Aspekten wie Prozessmanagement in der Wasser- und Abwasseraufbereitung, Wasserqualitätsmanagement, klimaresiliente Landwirtschaft, Agritourismus oder der Wertschöpfungskette der Agrar- und Lebensmittelwirtschaft entwickelt.
Warum wird Wasser aus Ihrer Sicht als eine der wichtigsten Ressourcen angesehen und inwiefern trifft dies auf Südafrika zu?
WK: Wasser ist eine knappe, aber eben auch eine lebensentscheidende Ressource. Denken Sie darüber nach: Wenn Sie morgens aufstehen, wo verbrauchen Sie kein Wasser? In Afrika südlich der Sahara, ebenso wie in Südamerika und vielen anderen Regionen mit niedrigem bis mittleren Einkommen, haben wir jedoch nicht nur Wasserknappheit. Wir haben es zusätzlich in einigen Fällen mit schlecht funktionierenden Wasseraufbereitungsanlagen zu tun, aber auch mit der Verschmutzung der vorhandenen Wasserressourcen. Außerdem wirkt sich der Klimawandel derzeit auf unsere Wasserverfügbarkeit aus. Es gibt demnach eine Vielzahl wechselwirkender Faktoren, die unsere Wasserverfügbarkeit beeinflussen. Südafrika wird in 2030 eines der Länder mit dem höchsten Wasserstress sein [siehe auch die Karte mit der Prognose zu Wasserstress im Jahr 2050 aus dem Wasser-Atlas von 2025], was bedeutet, dass wir aktuell deutlich mehr Wasser entnehmen bzw. verbrauchen, als uns zur Verfügung steht. Das ist ein riesiges Problem. Um dieser Problematik zu begegnen, müssen wir interdisziplinär zusammenarbeiten.
Welche Herausforderungen bestehen mit Blick auf den Zugang zu Wasser und wie wird sich das Ihrer Erwartung nach in Zukunft ändern?
WK: Die letzten Statistiken, die ich gesehen habe, zeigen, dass 55 % der Haushalte in Südafrika Wasserleitungen in ihren Häusern haben. 45 % der Haushalte haben stattdessen eine Wasserstelle auf ihrem Grundstück oder in ihrer informellen Siedlung – sie müssen zu einer Wasserstelle laufen, um Wasser zu holen. Wenn sich diese Wasserstelle nicht in der Nähe befindet, nutzen sie Wasser aus der Umwelt, z. B. aus Flüssen.
MJ: Aus landwirtschaftlicher Perspektive ist es ebenfalls wichtig, sich den Zugang zu Wasser anzuschauen. In diesem Kontext geht es vor allem um Wasserrechte und Wasserlizenzen, die Landwirt*innen benötigen.
Basierend auf Ihrer Forschung und Ihren Erfahrungen, wie würden Sie das Bewusstsein für Wasser(-probleme) in der Bevölkerung beschreiben?
WK: Ich denke, in der Industrie ist das Bewusstsein groß. Beim privaten Wasserkonsum sieht das anders aus. Zugang zu Wasser ist ein fundamentales Menschenrecht. In Südafrika hat dies jedoch leider zu vielen Herausforderungen geführt, wenn es darum geht, einen gerechten Zugang zu gewährleisten; alle erwarten und wollen Zugang, aber nicht alle haben Zugang. Das Bewusstsein ist nicht in dem Ausmaß vorhanden, wie es sein sollte. Wir schreiben den Menschen nicht vor, wie viel sie täglich verbrauchen dürfen – sie verbrauchen so viel, wie sie wollen. Ich denke, in wasserarmen Ländern müsste es auch bei privater Nutzung strengere Vorschriften für den Wasserkonsum und mehr Aufklärung geben.
MJ: Und da ist das Problem der Urbanisierung, durch die Verwaltung und Regulierung des Wasserzugangs in städtischen Gebieten erschwert wird.
Was wäre Ihrer Meinung nach der beste Weg, um das Bewusstsein zu fördern oder Einstellungen hinsichtlich des Umgangs mit Wasser zu ändern?
WK: Im Durchschnitt verbraucht eine Person in einem Haushalt 250 Liter Wasser pro Tag, in informellen Siedlungen dagegen werden 25 Liter pro Tag verbraucht – ein riesiger Unterschied. Manche würden nun argumentieren, dass Haushalte in informellen Siedlungen nicht direkt für Wasser zahlen, während andere dies tun und sich daher dazu berechtigt fühlen, mehr zu verbrauchen. Ich möchte nicht vorschlagen, Wasser zu besteuern, weil das ein äußerst heikles Thema ist, aber Menschen reagieren oft am stärksten, wenn es um finanzielle Auswirkungen geht – wäre das also eine mögliche Lösung? Andere Ansätze könnten Social-Media-Kampagnen, Aufklärungskampagnen oder haushaltsbezogene Öffentlichkeitsarbeit sein, bei der Bürgerinnen und Bürger direkt zu Wasserverbrauch und -bewusstsein befragt werden. Vor allem aber sollten wir proaktiv und mit Weitsicht handeln und nicht nur reagieren. Ohne wirksame Mechanismen zur Unterstützung der Regulierung bleibt es letztlich eine Herausforderung, ein breites Bewusstsein dafür zu schaffen, wie wertvoll diese Ressource ist.
Was muss aus Ihrer Sicht Teil wasserbezogener Bildung sein, um Kinder dabei zu unterstützen, Wertschätzung und Verständnis für das Element Wasser zu entwickeln?
WK: Ich würde sagen, sie muss ein verpflichtender Teil aller schulischen Lehrpläne sein. Ich halte es für ein geeignetes Thema, das schon auf der Grundschulebene eingeführt werden könnte, indem der Umgang mit Wasser vermittelt wird, z. B. den Hahn nicht laufen lassen, wenn du dir die Hände oder das Gesicht wäschst. In der weiterführenden Schule sollten dann Aspekte wie Wasserrecycling und der Wasserkreislauf thematisiert werden. Ich bin fest davon überzeugt, dass wasserbezogene Bildung einen festen und verpflichtenden Bestandteil des Lehrplans bilden sollte.
Welche Botschaft über die Bedeutung und Wertschätzung von Wasser würden Sie (jungen) Menschen gerne mit auf den Weg geben?
WK: Ich denke, es ist grundsätzlich wichtig, dass wir niemals in eine Gemeinde gehen oder mit ihr arbeiten, ohne zu wissen, was sie wirklich braucht. Wir sollten nie einfach nur annehmen, zu wissen, was eine Gemeinde braucht. Wir müssen also nicht nur den Input von Wasserinstituten einholen, sondern auch von den Menschen selbst, um herauszufinden, wie sie dieses Thema bereits auf der grundlegenden Ebene angehen möchten. Dies gilt auch für den schulischen Kontext und die Wasserbildung. Schulen und Lehrkräfte sollten hier einbezogen werden, welche Grundlagen wichtig sind und was erreicht werden soll.
ML: Aus unserer Sicht geht es um die Vernetzung des Themas Wasser. Man muss sich vor allem den Wasser-Energie-Ernährungs-Nexus anschauen, besonders im Hinblick auf die Ernährungssicherung und Lebensmittelsicherheit, aber auch die Energiekomponente. Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Thema Nachhaltigkeit. Das tritt in unserer Zusammenarbeit mit vielen Organisationen sehr deutlich hervor.
Das vollständige Interview in englischer Sprache