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Bildungsangebote fördern Wasserbewusstsein: adressatengerecht, erfahrungsbasiert und lebensweltbezogen

Bildungsangebote fördern Wasserbewusstsein: adressatengerecht, erfahrungsbasiert und lebensweltbezogen

Die zweite Podiumsdiskussion im Rahmen des Projekts „Das Lebenselement Wasser und unsere gemeinsame Zukunft – Diskurse zur nachhaltigen Entwicklung im Kontext der Klimakrise“ fand am 12. März im Leibnizhaus in Hannover statt. Diskutiert haben Prof. Dr. Michael Komorek, Leiter der Arbeitsgruppe Didaktik der Physik und Wissenschaftskommunikation an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Dr. Susanne Benzler, Studienleitung Bildung/Jugendbildung an der Evangelischen Akademie Loccum, Kathrin Limberg, Geschäftsstellenleitung Ökostadt e.V., und Udo Büsing, Bildung für nachhaltige Entwicklung für Schulen und Kitas im Nachhaltigkeitsbüro der Landeshauptstadt Hannover, wie durch bildungsbezogene Maßnahmen wasserbewusstes Denken und Handeln gefördert werden kann. Aus ihren jeweiligen Arbeitsfeldern heraus betonten sie dabei verschiedene Aspekte von Bildung, von schulischer über außerschulische Bildung bis hin zur Erwachsenenbildung. Moderiert wurde die Diskussion von Prof. Dr. Christiane Meyer, Professur für Didaktik der Geographie am Institut für Didaktik der Naturwissenschaften (IDN) der Leibniz Universität Hannover.

Wasserbezogene Bildung in Kitas und Schulen, an außerschulischen Lernorten und für Erwachsene

Bereits zu Beginn der Diskussion wurde deutlich, dass Wasser in vielfältigen Bildungskontexten eine Rolle spielt. So skizzierte Prof. Komorek, wie die Thematik in der Lehrkräfteausbildung adressiert werden kann. Zudem stellte er das Projekt „Aqua Citizens“ vor, das bildungsbenachteiligten Kindern und Jugendlichen Zugänge durch Aktivitäten rund um das Thema Wasser schaffen soll. Hierzu gehörten mobile Experimentierangebote, Angebote im stationären Schülerlabor physiXS, Citizen-Science-Aktivitäten und die Kommunikation mit Politik und Gesellschaft. Hinzu komme bei Aqua Citizens die Fortbildung und Vernetzung der Akteure für eine transformative Bildung. Frau Dr. Benzler betonte die Relevanz der politischen Bildung von Jugendlichen. In ihren Projekten behandelt sie gesellschaftspolitische Themen wie den nachhaltigen Umgang mit Wasser sowie Reflexionen im Zusammenhang mit Wasserrechten. Besonders wichtig sei dabei eine elementarisierte politische Jugendbildung, die komplexe Themen verständlich aufbereite und Handlungsmöglichkeiten aufzeige. Dabei könne schon die Kommentierung von Bildmotiven im Kontext von Wasser als Einstieg geeignet sein, um in der Diskussion einen Perspektivwechsel anzuregen. Ebenso berichtete Herr Büsing von seinen Erfahrungen mit Bildungsangeboten für Schulen und Kindertagesstätten, die durch das Nachhaltigkeitsbüro der Landeshauptstadt Hannover organisiert werden. Er stellte dabei die Bedeutung von unmittelbaren Erfahrungen mit Wasser heraus, aber auch die Förderung von Gestaltungskompetenz in Verbindung mit Bildung für nachhaltige Entwicklung. Frau Limberg weitete die Thematik außerdem auf Erwachsenenbildung aus und betonte, dass Erwachsene im Kontext eines bewussten Umgangs mit Wasser nicht von der Verantwortung befreit werden dürfen. Sie stellte das Projekt „Volle Kanne“ vor, das sich mit der Nutzung von Regenwasser beschäftigt. Dieses und weitere Angebote wie themenbezogene Stadtrundgänge würden Menschen ermöglichen, Wasser im städtischen Raum neu wahrzunehmen und seine Bedeutung für das Stadtklima und eine nachhaltige Stadtentwicklung zu erkennen.

Ein Schwerpunkt der Diskussion lag auf der Rolle von Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) und dem Konzept des transformativen Lernens. Herr Prof. Komorek plädierte dabei für eine stärkere Förderung von Autonomie in Bildungsprozessen. Kinder und Jugendliche sollten mehr in Entscheidungen über Lerninhalte und Methoden einbezogen werden, um ihre Bedürfnisse im Bildungsprozess berücksichtigen zu können. Statt einer strikt fachlichen Struktur schlug er zudem vor, Bildung interdisziplinär auf verschiedene komplexe Themen wie den Überschuss oder Mangel von Wasser, die nachhaltige Energieversorgung, die Herausforderungen im Klimawandel oder den Umgang mit begrenzten Ressourcen auszurichten. Zusätzlich betonte Herr Büsing die Bedeutung zukunftsorientierter Bildung. Als Beispiel nannte er dabei das Lernformat „FREI DAY“. Dieses Lernformat ermöglicht es Schüler*innen, vier Stunden pro Woche über ein Schuljahr eigenständig an Projekten zu arbeiten, die zur Verwirklichung der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen in der Stadt und Region beitragen. Mit Blick auf Erwachsenenbildung stellte Frau Limberg im Kontrast zur verpflichtenden Schulbildung die Herausforderung dar, Erwachsene, die bislang wenig Berührungspunkte mit Nachhaltigkeitsthemen haben, in und mit informellen Kontexten zu erreichen. In diesem Zusammenhang wurden wasserbezogene Angebote z. B. für Betriebsausflüge von Unternehmen angedacht. Laut Frau Limberg könnten für Erwachsene auch finanzielle Aspekte ein motivierender Faktor sein. Ein Beispiel hierfür wäre aufzuzeigen, wie viel Geld durch einen bewussten Umgang mit Wasser gespart werden kann und wie dies niedrigschwellig im Alltag umgesetzt werden kann. Auch für Jugendliche aus Familien mit wenig Geld kann dies eine Motivation für die Beschäftigung mit dem Thema sein, betonte Frau Dr. Benzler. Sie hob zudem die Bedeutung lebensweltorientierter Bildungsangebote hervor. Themen müssten so aufbereitet werden, dass sie für unterschiedliche Zielgruppen relevant sowie verständlich seien. 

Ein weiterer Diskussionsschwerpunkt war die Frage, wie Wasserbewusstsein gefördert werden kann, da dies u. a. mit der nationalen Wasserstrategie angestrebt wird. Herr Büsing betonte hierbei die Rolle von eigenen Erfahrungen mit Wasser bzw. von unmittelbaren Eindrücken, die die intrinsische Motivation fördern könnten, sich tiefergehender mit wasserbezogenen Themen auseinanderzusetzen und so seine Bedeutung bewusster zu machen. Auch Herr Prof. Komorek unterstrich die Bedeutung von affektiven Aspekten und sogenannten Primärerfahrungen. Wenn Kinder und Jugendliche selbst forschen, beobachten und experimentieren dürften, würden ein tieferes Verständnis für Zusammenhänge und die Erfahrung von Selbstwirksamkeit gefördert, was positiv auf die Motivation wirke, sich mit Themen wie Wasser zu befassen. In einer Befragung bei Aqua Citizens wurde allerdings deutlich, dass Jugendliche nicht den Eindruck haben, bei Entscheider*innen u. a. aus Politik und Wirtschaft Gehör zu finden, was wahrgenommene Selbstwirksamkeit wiederum reduziere. Frau Dr. Benzler erläuterte, dass es außerdem wichtig sei, in elementarisierter Weise die Zusammenhänge mit politischen Entscheidungen z. B. in der Kommunalpolitik aufzuzeigen. Schon jetzt würden Konkurrenzen um Wasser zwischen privaten Verbraucher*innen, Unternehmen (z. B. für Mineralwasser, Soft Drinks) und Landwirtschaft sichtbar und in Niedersachsen/Deutschland bedeutsam.

Zusammenfassend wurden als Kernaspekte für eine zeitgemäße wasserbezogene Bildung folgende Punkte hervorgehoben. Die Autonomie von Lernenden, die Berücksichtigung von Emotionen, das Lernen mit Kopf, Herz und Hand, das Ermöglichen von Primärerfahrungen, eine adressatengerechte und elementarisierte Aufbereitung der Themen, die Förderung von gesellschaftspolitischer Bildung sowie von Gestaltungskompetenz und der Austausch mit kommunalpolitischen Entscheidungsträger*innen für eine zukunftsfähige Raumentwicklung sind diese Aspekte. Wasserbezogene Kontexte müssten zudem aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden, wozu insbesondere fächerverbindendes Lernen beitragen kann. Solche Bildungsangebote könnten zur Förderung eines Bewusstseins für die Ressource Wasser beitragen.

Publikumsbeiträge und Abschlussrunde

Aus dem Publikum wurden auch verschiedene Ideen in die Diskussion eingebracht. So wurde etwa vorgeschlagen, erlebnispädagogische Ansätze stärker in Schulen zu integrieren, das Thema Wasser fest in den Kerncurricula zu verankern und auch Eltern in der (außer-)schulischen Bildung stärker einzubeziehen. Festivals und andere öffentliche Veranstaltungen als mögliche informelle Bildungsformate bieten sich an.
In der abschließenden Runde betonten die Diskutierenden die Bedeutung von exemplarischem Lernen und erneut von Erfahrungen, die neue Perspektiven eröffnen können. Bildung hat das Potenzial, Horizonte zu erweitern und Menschen dazu zu bewegen, über ihre Rolle in gesellschaftlichen Transformationsprozessen nachzudenken. Gleichzeitig sei es bedeutsam, dass Akteur*innen in ihren jeweiligen Wirkungsbereichen über Nachhaltigkeitsthemen kommunizieren, zur Kommunikation anregen bzw. auffordern und Möglichkeiten zur Weiterbildung schaffen bzw. nutzen. Einigkeit bestand darin, dass Wasser eine Ressource von enormem Wert ist. Ein bewussterer Umgang damit sei dringend erforderlich, insbesondere in Zeiten, in denen deutlich wird, dass Wasser eben auch eine begrenzte Ressource ist. Bildung – auch im Sinne von Persönlichkeitsbildung – spiele dabei eine zentrale Rolle, indem Wissen, Verantwortungsbewusstsein und Handlungsmöglichkeiten aufeinander bezogen werden. In Bildungsprozessen müsse aber immer deutlich werden, wo der Einzelne aktiv werden kann und welche Gegenkräfte und wirtschaftlichen Gewinninteressen einem nachhaltigen Handeln entgegenstehen. Dies ist wichtig, um den Einzelnen nicht zu überfordern, ihm aber gleichzeitig seinen Verantwortungsbereich sowie Handlungsspielräume zu verdeutlichen. Hier kommen naturwissenschaftliche sowie gesellschaftsbezogene, insbesondere ökonomische und politische Bildung zusammen.